Zwei Krimis: Der Killer wartet / Moellers Todessonate
von Alfred Bekker
Der Schrei durchbrach die morgendliche Stille des Skulpturenparks wie splitterndes Glas. Er war kurz, scharf und erstickte sofort wieder, als die junge Frau sich die Hand vor den Mund schlug. Ihr Freund, ein schlaksiger Jugendlicher mit einer Wollmütze, die trotz der kühlen Mailuft deplatziert wirkte, starrte nur mit aufgerissenen Augen auf die Szene vor ihnen.
„Scheiße“, flüsterte er. „Ist der… ist der echt?“
Die Frage war absurd, aber verständlich. Die Figur saß am Fuße einer riesigen, rostigen Stahlskulptur,die wie ein verkrümmter Finger in den nebligen Himmel ragte. Der Mann trug einen teuren Mantel, der feucht vom Tau war, und sein Kopf war seltsam zur Seite geneigt. Er hätte eine weitere, hyperrealistische Skulptur sein können, eine provokante Ergänzung zu den abstrakten Gebilden, die den Park bevölkerten. Doch die dunkle, klebrig aussehende Lache, die sich von seinem Kopf auf den sorgfältig gemähten Rasen ergoss, und die unnatürliche Blässe seiner Haut ließen keinen Zweifel zu.
„Wir müssen hier weg“, zischte das Mädchen, zog an seinem Arm und wich langsam zurück. Ihre Augen lösten sich nicht von der Gestalt. „Wir rufen die Polizei. Anonym.“
„Wenn die uns hier erwischen…“, begann der Junge, aber sein Widerstand war halbherzig. Auch er wich bereits zurück, stolperte fast über eine der in den Boden eingelassenen Bronzeplatten, die den Namen des Kunstwerks und seines Schöpfers trugen. „Aufstieg und Fall Nr. 3“ von Klaus Richter. Der Junge schluckte. Der Titel schien auf eine makabre Weise passend.
Sie rannten. Ihre Schritte hallten auf dem Kiesweg wider, während der Nebel die verlassene Szene wieder in Schweigen hüllte. Der tote Mann saß weiter da, eine stille, letzte Performance am Fuße der Kunst, die er so geliebt hatte.