In 95 Kapiteln unternimmt dieses Buch den Versuch, dreitausend Jahre Weltliteratur nicht nur zu erklären, sondern erlebbar zu machen – von Sapphos Fragmenten, die mit zehn Prozent eines Werks eine ganze Gattung begründeten, bis zu Márquez' Macondo, wo man siebzehn Aurelianos verwechselt und trotzdem die Geschichte eines Kontinents versteht. Dazwischen liegen Essays über die großen Werke, über die Themen, die sie verbinden, über die Frage, warum Züge in der Literatur nie einfach nur Züge sind, und über das erstaunliche Phänomen, dass die gesamte dramatische Weltliteratur offenbar mit 36 Situationenauskommt.
Außerdem enthält es Interviews mit Figuren, die eigentlich nicht interviewt werden können, Gespräche zwischen Autoren und ihren Schöpfungen, die so nie stattgefunden haben, und mindestens einen Leasingvertrag für ein geflügeltes Pferd.
Weltliteratur ist das intellektuelle Äquivalent eines Fitnessstudio-Abonnements. Man weiß, dass es einem guttäte. Man hat fest vor, sich damit zu beschäftigen. Und dann liegt man doch wieder auf dem Sofa und schaut eine Serie, deren Drehbuch Dostojewski in den vorzeitigen Ruhestand getrieben hätte – allerdings nicht aus Bewunderung.
Menschen verlieben sich in die Falschen, treffen katastrophale Entscheidungen, bereuen alles oder nichts und sterben wahlweise tragisch, überraschend oder so langsam, dass man zwischendurch einen Kaffee kochen kann. Das ist keine verstaubte Hochkultur – das ist Real Housewives of Florence mit besserer Syntax.
Der Anspruch ist, Ihnen die Weltliteratur so zu zeigen, wie sie wirklich ist: voller Genialität, aber auch voller Plot Holes. Voller Zeitlosigkeit, aber auch voller skurriler Zeitgebundenheit. Voller Erhabenheit, aber auch voller Menschen, die sich benehmen wie wir alle, nur eben in schöneren Sätzen.
Muss Weltliteratur so bedeutend sein, dass man sie nur mit gerunzelter Stirn lesen darf, vorzugsweise in einem ledergebundenen Sessel, bei gedämpftem Licht, mit einem Glas Sherry, das man nicht trinkt, sondern hält? Niemand traut sich mehr zu sagen, dass Aristophanes' "Die Frösche" im Grunde eine antike Late-Night-Show ist, in der tote Dichter gegeneinander antreten, oder dass Rabelais mit Gargantua und Pantagruel einen Fäkalwitz geschrieben hat, der so intellektuell ist, dass Universitäten ihn in den Lehrplan aufgenommen haben, ohne rot zu werden.
Wir betrachten Dantes Jenseits als Großraumbüro mit fragwürdiger Etagenaufteilung. Wir untersuchen, warum Pflanzen in der Literatur nie einfach nur Pflanzen sind, und warum Frauenrollen über Jahrhunderte hinweg das dramaturgische Repertoire einer Triangel hatten.
Von Dante bis Dostojewski, von der Aeneis bis zu Catch-22, von obsessiver Liebe bis zu Zügen als Schicksalsbahn. Manche Kapitel widmen sich konkreten Werken, anderen großen Motiven, wieder andere den absurden Situationen, die entstehen, wenn man Autoren mit ihren Figuren in Therapie schickt oder Pegasus als Leasingfahrzeug betrachtet.
Literatur ignoriert die Beschränktheit der Zeit. Dadurch ist jedes einzelne Werk auch zugleich etwas Größeres; es ist Teil von etwas, ein weiterer Baustein. Wenn man so will ein mentaler Turmbau zu Babel. In diesem Sinne: Treten Sie ein. Ein Besuch in diesem ganz wunderbaren und sonderbaren Bau.